Bisher galt es als sicher, dass gewaltige Schluchten wie der Grand Canyon über einen Zeitraum von mehreren Millionen Jahren entstanden sind. Doch die tiefgreifenden Folgen der Erosion durch Wasser können sich auch in weitaus kürzerer Zeit einstellen. Das hat ein US-Forscherteam bei der Untersuchung des Canyon Lake Gorge in Texas festgestellt, der im Jahre 2002 bei einer Sturzflut entstanden ist. Nach den Untersuchungen benötigten die Wassermassen nur drei Tage, um sich sieben Meter tief in die Landschaft zu graben. Auf Basis der Studienergebnisse sollen sich künftig frühzeitliche Mega-Fluten besser rekonstruieren lassen. Zudem könnten die gewaltigen Mars-Canyons durch ähnliche Vorgänge entstanden sein.
Im Juli des Jahres 2002 brachten sintflutartige Regenfälle den Stausee Canyon Lake Reservoir in Texas zum Überlaufen. Als Entlastung des Wasserreservoirs war ein Kanal gebaut worden, um den Stausee mit dem weiter talabwärts gelegenen Fluss Guadalupe zu verbinden – doch auch der Kanal konnte die Katastrophe nicht mehr aufhalten: Über einen Zeitraum von sechs Wochen ergossen sich gewaltige Wassermassen in das Tal. Neun Menschen kamen während dieser Zeit ums Leben und es entstanden Sachschäden in Höhe von einer Milliarde Dollar. Die Sturzflut riss das gesamte Erdreich und alle Vegetation mit sich, sodass nur der nackte Fels zurückblieb: Ein Canyon war entstanden.
Michael Lamb vom California Institute of Technology in Pasadena und seine Kollegen nutzten dieses seltene Ereignis, um zu untersuchen, unter welchen Umständen es zu der Bildung von Canyons kommt. Auf Basis von zahlreichen Luftaufnahmen, topografischen Analysen und Messungen des Wasservolumens sowie der Fließgeschwindigkeit der Fluten gelang es ihnen, den genauen Entstehungszeitraum des Canyon Lake Gorge zu bestimmen: Drei Tage reichten den Wassermassen aus, um die Klamm auszuwaschen. Bislang wurde angenommen, dass die meisten Canyons über einen Zeitraum von vielen Millionen Jahren entstehen. Demnach graben Flüsse in einem langwierigen Erosionsprozess Schluchten in eine Ebene und beseitigen alle Hindernisse, die sich ihnen in den Weg stellen. Unterstützt wird die Wasserwirkung durch klimatische Veränderungen und tektonische Kräfte.
Nach Ansicht der Wissenschaftler könnten nach dem Vorbild des Canyon Lake Gorge viele Schluchten entstanden sein, wie beispielsweise der 1800 Meter tiefe und 450 Kilometer lange Grand Canyon im Südwesten der USA. Zudem dürften sich auch die gigantischen Schluchten auf dem Planeten Mars durch ähnliche Ereignisse gebildet haben. Auf dem Roten Planeten existieren zahlreiche mächtige Canyons, die bis zu 7000 Meter tief sind.
Fluten größten Ausmaßes sollen in der Frühgeschichte der Erde häufiger vorgekommen sein, schreiben die Forscher. Doch wie solche Katastrophen ausgesehen haben, sei schwer nachvollziehbar. Das ändere sich nun: Die Bedingungen, unter denen der Canyon Lake Gorge entstand, seien bekannt. Faktoren wie Abflussmenge, Dauer der Sturzflut sowie die Topografie vor und nach dem Ereignis sollen den Wissenschaftlern helfen, bessere Modelle zur Rekonstruktion urzeitlicher Mega-Fluten auf Erde und Mars zu entwickeln.
Michael Lamp (California Institute of Technology) et al.: Nature Geoscience, Online-Vorabveröffentlichung, doi:10.1038/NGEO894
Quelle: eRecht24.de - Internetrecht von Rechtsanwalt Sören Siebert
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