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Anfang des Jahres 2005 konnte der Rebellengeneral Laurent Nkunda in Ruanda festgenommen werden. Die Regierungsarmee und ihre Verbündeten konnten weite Teile des Territoriums von den Rebellen zurückerobern. Die humanitäre Lage – besonders der durch die aktuellen Kämpfe Vertriebenen – zog weltweit erneut mediale Aufmerksamkeit auf sich.
Seit Mitte der 1990er Jahre sind die östlichen Kivu-Regionen Ausgangspunkt aller kongolesischen Kriege, ihre Befriedung wird essentiell für die Entwicklung des gesamten Landes sein.
Die Auseinandersetzungen in den östlichen Regionen des Kongo gehen auf langjährige Konflikte zurück, in denen ethnische Identitäten im Kampf um politische und ökonomische Vorherrschaft instrumentalisiert werden. In Ituri und den beiden Provinzen Nord- und Südkivu liegen große Goldvorräte, aber auch Diamanten, Coltan und Erdöl. Die Bevorzugung bestimmter Bevölkerungsgruppen bereits durch die Kolonialherren verfestigte bestehende soziale Unterschiede zu ethnischen Gruppen.
Als sich Anfang der 1990er Jahre das seit über 30 Jahren herrschende Regime unter Mobutu Sese Seko durch internationalen Druck einer Demokratisierung öffnen musste, wurden Fragen um die kongolesische Identität zentral. Als nicht-kongolesisch galten die teilweise schon seit der Kolonialzeit in Kivu lebenden ruandischen und burundischen Immigranten. Besonders lokale Milizen, die unter der Bezeichnung Mayi-Mayi bekannt wurden, begingen zunehmend gewalttätige Übergriffe auf diese Gruppen. Die Situation spitzte sich in Folge des Völkermordes von Hutu-Milizen an Angehörigen der Tutsi in Ruanda 1994 zu. Nachdem in Ruanda eine überwiegend aus Tutsi bestehende Rebellenorganisation unter Paul Kagame den Genozid beendete und die Macht übernahm, flüchteten eine Million Hutu in grenznahe Gebiete des Kongo. Hier terrorisierten sie die lokale Bevölkerung und bedrohten weiterhin Ruanda.
Mit Hilfe von Ruanda und Uganda stürzte 1997 eine Rebellenkoalition unter Laurent-Désiré Kabila das Mobutu-Regime im Kongo. Um sich innenpolitisch zu legitimieren und seine Macht zu konsolidieren begann er jedoch, Ruanda als Besatzungsmacht zu betrachten und wandte sich daher auch gegen die vor allem im Ostkongo lebenden Ruander. Er verbündete sich mit Mayi-Mayi-Milizen und Hutu-Rebellen gegen Ruanda und die von dort unterstützte Rebellengruppe.
Der „Afrikanischen Regionalkrieg“ von 1998 bis 2001 destabilisierte die gesamte Region, da fast alle an den Kongo grenzenden Länder Truppen sandten. Im Jahr 2000 wurde die UN-Friedensmission, die Mission de l'Organisation des Nations Unies en République Démocratique du Congo (MONUC, Mission der UN in der Demokratischen Republik Kongo), eingerichtet. Erst als Joseph Kabila 2001 die Macht von seinem ermordeten Vater übernahm, konnte das Pretoria- Friedensabkommen unterzeichnet werden.
Die Demokratisierung des Landes sollte in den Augen der internationalen Unterstützer die Konflikte lösen. Die Rebellen sollten demobilisiert oder in die Armee integriert werden. Die MONUC sollte mit ihren nach und nach auf über 17.000 Soldaten aufgestockte Truppe den Frieden überwachen. In weitgehend freien Wahlen im Jahr 2006 wurde Kabila zum Präsidenten gewählt. Die Konfliktlinien blieben jedoch erhalten, die neue Armee ist weiterhin kaum funktionsfähig und ein zentraler Unsicherheitsfaktor für die Bevölkerung.
Der stärkste Widersacher der Regierung wurde Laurent Nkunda, der in den Provinzen Nord- und Südkivu größere Gebiete besetzt hält. Nkunda war ein militärischer Führer einer ehemals von Ruanda unterstützen Rebellengruppe. Die kongolesische Armee ernannte ihn nach dem Friedensschluss zum General, doch widersetzte er sich der Kontrolle aus Kinshasa und zog sich mit Teilen seiner früheren Truppe nach Masisi in Nordkivu zurück. Dort kontrollierte er bis Januar 2009 ein größeres Gebiet und sorgte für eine relative Sicherheit für die Bevölkerung, darunter auch viele Hutu-Bauern.
Nkunda warf der Regierung vor, weiterhin zusammen mit Mayi-Mayi- und Hutu-Milizen gegen Tutsi vorzugehen. Diese ruandischen Hutu-Milizen bestehen im Kern aus der früheren ruandischen Armee, die für den ruandischen Genozid verantwortlich ist. Sie organisieren sich als Forces Démocratique pour la Libération du Rwanda (FDLR, Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas) und zählen etwa 9.000 Kämpfer, die die Tutsi-Bevölkerung im Ostkongo terrorisieren und sich über die Kontrolle der wichtigsten Zinn- und Goldvorkommen der Provinz Nord-Kivu finanzieren. Trotz regelmäßiger Versicherungen ging die Regierung nicht effektiv gegen die FDLR vor.
Seit 2006 organisierte Nkunda seine Anhänger im Congrès National pour la Défense du Peuple (CNDP, Nationalkongress zur Verteidigung des Volkes). Dieser umfasste bis zu 5.000 Kämpfer. Zudem bauten die Rebellen eine parallele Regierungsstruktur auf. Ihre Haupteinnahmen beziehen sie aus der Besteuerung des Handels zwischen dem Ostkongo und den Nachbarstaaten.
Ende 2006 handelte die Regierung unter ruandischer Vermittlung eine Integration der CNDP-Kämpfer in die Armee aus. Im ersten Halbjahr 2007 zeigte sich jedoch, dass es der Regierung nicht gelang, Nkundas Kontrolle über seine Soldaten zu brechen und diese bald die gemischten Brigaden dominierten. Da die Regierung ihre Zusammenarbeit mit Tutsi-feindlichen Milizen nicht einstellte, griffen Nkundas Truppen die regierungstreuen Teile der Brigaden schließlich an und machten sich erneut unabhängig. Im Sommer 2007 kontrollierten die Rebellen die Gebiete Rutshuru, Masisi und Walikale im Nordkivu.
Gegen Ende des Jahres 2007 schickte die Regierung 20.000 Soldaten und schweres Kriegsgerät westlich der Provinzhauptstadt Goma in den Kampf gegen Nkunda. Kaum eine Woche später befand sich die Armee in vollständiger Auflösung. Zusammengesetzt aus verschiedenen ehemaligen Rebellengruppierungen und Milizen ist die Armee immer noch kaum handlungsfähig, schlecht bezahlt und undiszipliniert. Nur Einheiten der MONUC verhinderten die Einnahme der Stadt Goma durch Nkundas Truppen. Daraufhin berief die Regierung für Anfang Januar eine Friedenskonferenz für die Kivu-Provinzen ein, zu der fast alle Kriegsteilnehmer wie auch zivile Gruppen eingeladen waren. Ende Januar wurde ein Waffenstillstand ausgerufen, der jedoch bis in den Sommer hinein von kleineren Auseinandersetzungen geprägt wurde. Die Armee ging teilweise nicht nur gegen Nkunda und seine CNDP, sondern aufgrund des massiven internationalen Drucks auch gegen die FDLR vor. Diese und verschiedene Mayi-Mayi-Gruppen griffen wiederum mehrfach Nkundas Truppen an. Die Konflikte zwischen den CDNP-Rebellen und der Regierungsarmee bzw. der FDLR hielten an. Ende September unterschrieb die Regierung ein Waffenstillstandsabkommen, dass erstmals auch die kongolesische Armee zwingen sollte, der MONUC eine militärische Vormachtstellung in der Region zu überlassen, jedoch gingen die Kämpfe weiter. Die Rebellen blieben jedoch kurz vor Goma stehen und Nkunda verkündete einen einseitigen Waffenstillstand. So nutzte er die MONUC dazu, damit diese für Sicherheit sorgt und er nicht mit seinen eigenen Truppen die Ordnung aufrechterhalten muss. Er stellte sich als legitimer Schutzherr der lokalen Bevölkerung dar, da die CNDP längst nicht mehr nur aus Tutsi bestand. Darüber hinaus klagte er Korruption und Menschenrechtsverletzungen der Regierung in Kinshasa an und ließ erkennen, dass er auf einen Posten in der Regierung spekulierte. Auf Druck der kongolesischen Opposition und des Sonderbeauftragten der UN, dem ehemaligen nigerianischen Präsidenten Olusegun Obasanjo, lenkte die kongolesische Regierung schließlich ein und traf sich Anfang Dezember mit Angehörigen der CNDP in Kenia. Ebenfalls Anfang Dezember unterzeichneten die Regierungen Ruandas und des Kongo einen Plan zum gemeinsamen Vorgehen gegen die FDLR.
Das Berichtsjahr 2009 ist vor allem durch zwei Großoffensiven gegen die Rebellengruppen in Nord und Süd Kivu geprägt. Während der Konferenz in Kenia zwischen der kongolesischen Regierung und Vertretern der CNDP schloss Kongos Präsident Joseph Kabila einen heimlichen Bund mit seinem ruandischen Kollegen und bisherigen Gegner Paul Kagame. Am 20. Januar 2009 entsandte Ruanda rund 4000 Soldaten in das Nachbarland Kongo, um die dortigen Regierungstruppen im Kampf gegen die CNDP zu unterstützen. Die Offensive wurde unter dem Namen Umoja Wetu (Unsere Einheit) bekannt. In Folge von Umoja Wetu wurde Laurent Nkunda in Ruanda festgenommen und sein ehemaliger Stabschef Bosco Ntaganda zu seinem Nachfolger ernannt. Dieser erklärte sich sofort mit der Eingliederung der CNDP in die kongolesische Armee bereit. Andere Rebellen erklärten einen Waffenstillstand um die neue Situation erst mal überblicken zu können. Die ruandischen Truppen blieben 35 Tage im Kongo. Im Anschluss an die Offensive gegen die CNDP erfolgte eine weitere (Kimia II (Still)) im März gemeinsam mit der MONUC gegen die FDLR die bis zu dem heutigen Zeitpunkt andauert. Nach neun Monaten andauernder Kämpfe konnten 1.087 FDLR-Kämpfer durch das UN-Programm für Entwaffnung, Demilitarisierung, Rückführung und Wiederansiedlung nach Ruanda zurück geführt werden – im Vergleich mit 2008 ein signifikanter Anstieg. Jedoch wird dieser Erfolg von schweren Menschenrechtsverletzungen überschattet. Am 10. Mai dieses Jahres überfiel die FDLR das 15.000-Einwohner-Städtchen Busurungi in Nord-Kivu, wobei mindestens 60 Zivilisten starben. Ebenso überfiel die FDLR im Juni 20 Kilometer vor Kamituga ein Dorf und brannte 80 Hütten und eine Gesundheitsstation nieder. Oxfam schreibt von 250.000 Zivilisten, die aufgrund der andauernden Konflikte auf der Flucht sind. Ende des Jahres stellt die MONUC die direkte Zusammenarbeit mit der Regierungsarmee, aufgrund vom Verdacht der Menschenrechtsverletzung, ein. Ebenso wird das Mandat der MONUC nur um weitere 5 Monate, bis Mai 2010 verlängert und nicht wie in den letzten Jahren um ein Jahr.
Ende des Berichtsjahres 2009 wurden zwei Führungspositionen der FDLR in Deutschland festgenommen, was die Spekulationen über ein intaktes weltweites Netzwerk der Rebellenorganisation unterstreicht. Die beiden ehemaligen Milizenführer Germain Katanga und Mathieu Ngudjolo Chui wurden vor dem Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in zehn Fällen angeklagt. Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Im nordöstlichen Distrikt Ituri wurden seit Ende September 2008 kleinere Milizen wieder aktiv, nachdem es seit Anfang 2007 weitgehend ruhig geblieben war. Der ökonomische Konflikthintergrund ist ähnlich wie in den Kivu-Provinzen; die Konfliktlinien verlaufen jedoch hauptsächlich zwischen den traditionell Vieh züchtenden Hema und den Ackerbau betreibenden Lendu. Die MONUC war bei der Bekämpfung und Demobilisierung von Rebellen in Ituri konsequent und offensiv vorgegangen, sodass sich 2008 nur noch wenige hundert Angehörige bewaffneter Gruppen vor allem in der Region um die Provinzhauptstadt Bunia aufhielten. Einer der Hauptakteure der letzten Jahre, die Front des Résistances Patriotiques en Ituri (FRPI, Front der patriotischen Widerstandsbewegungen in Ituri) eine von Lendu dominierte Milizengruppe, rekrutierte erneut Kämpfer. Sie griff mehrmals die MONUC an und konnte auch die Armee aus kleineren Gebieten vertreiben. Die Regierung verstärkte daraufhin die Truppen in der Ituri. Als Antwort überfiel eine neu formierte Rebellengruppe, die Front Populaire pour la Justice au Congo (FPJC, Volksfront für Gerechtigkeit im Kongo) am 8. Oktober das Dorf Kombokabo.
In der Region Dungu im Nordosten des Kongos an der Grenze zum Sudan lösten Angriffe der ugandischen Rebellengruppe Lord’s Resistance Army (LRA) die weitgehende Entvölkerung eines über 10.000 Quadratkilometer großen Gebietes aus, da die LRA für ihre Brutalität bekannt ist. Im Jahr 2005 waren circa 400 Kämpfer der LRA in den Ostkongo geflohen. Bei mehreren Überfällen auf Dörfer im September und Oktober 2008 starben über 100 Zivilisten, außerdem entführte die Gruppe, die während des Krieges in Uganda für den Einsatz von Kindersoldaten berüchtigt war, 140 Kinder. Die Regierungen des Kongo, Ugandas und des Südsudan beschlossen Mitte Dezember ein gemeinsames Vorgehen gegen die LRA. Sie begannen umgehend mit militärischen Operationen und zerstörten das Hauptquartier der Rebellen. Vom 24. Dezember bis zum Jahresende überfiel die LRA daraufhin zwölf Orte und tötete dabei mindestens 500 Menschen.
Im Berichtsjahr 2009 gingen die Konflikte zwischen der LRA und der Regierungsarmee weiter. Im Bezirk Haut-Uélé in der Provinz Orientale verschärfte sich die Angriffe der ugandischen Rebellengruppe LRA auf die Zivilbevölkerung. Im Dezember begann eine militärische Offensive von Regierungseinheiten aus Uganda, des Kongo und dem Südsudan gegen Stellungen der LRA im Kongo. Bei einem offenkundigen Vergeltungsschlag griff die LRA Ende Dezember Städte und Dörfer in der Region an. Dabei ermordeten sie ungefähr 500 Zivilisten, verschleppten Hunderte und trieb etwa 50.000 Menschen in die Flucht.
Seit 1998 sollen 5,6 Millionen Menschen an den Folgen der Kriege im Kongo gestorben sein, vorwiegend durch Hunger und Krankheit infolge des Zusammenbruchs jeglicher Infrastruktur und des Nahrungsmittelanbaus. Die aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen vertrieben in diesem Jahr erneut 900.000 Menschen, in Kivu waren damit über 1 Million auf der Flucht. Alle Kämpfenden setzten sexuelle Gewalt als Kriegswaffe in einem Ausmaß ein, das nach Angaben der UN weltweit ohnegleichen ist. Es ist nicht zu erwarten, dass die Festnahme des CNDP-Führers Nkunda oder die Festnahmen in Deutschland zu einer Befriedung des Kivu führen werden. Ebenso bleibt Abzuwarten, ob die Offensive gegen die FDLR zu einem länger anhaltenden Frieden in der Region beitragen kann.
 Es kommt nicht darauf an, dem Leben mehr Jahre zu geben, sondern den Jahren mehr Leben zu geben.
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