Strahlenbeschuss aus vorüberziehenden Kugelsternhaufen könnte Massensterben auf der Erde verursacht haben
Während der vergangenen 600 Millionen Jahre hat sich wahrscheinlich in der Nähe der Erde mindestens ein tödlicher Gammablitz ereignet. Zu diesem Ergebnis kommt Wilfried Domainko vom Max-Planck-Institut für Kernphysik in Heidelberg. Seit es höheres Leben auf der Erde gibt, dürften sich mehrere Kugelsternhaufen dem Sonnensystem bis auf 3.500 Lichtjahre genähert haben, hat der Forscher ausgerechnet. Kugelsternhafen bestehen vor allem aus alten und ausgebrannten Sternen. Die Wahrscheinlichkeit, dass in einem solchen Sternenschwarm zwei Sternenleichen verschmelzen und dabei einen energiereichen Gammablitz aussenden, sei dementsprechend hoch, argumentiert Domainko.
Gammablitze zählen zu den energiereichsten Phänomenen im Kosmos. Die kurzen Ausbrüche harter Gammastrahlung entstehen, wenn ein schwerer Stern am Ende seines Lebens zu einem Schwarzen Loch kollabiert oder wenn zwei Neutronensterne miteinander kollidieren. Die Blitze dauern oft nur wenige Sekunden, sind aber noch in einer Entfernung von vielen Milliarden Lichtjahren wahrnehmbar.
Schon 2004 stellte der Astrophysiker Adrian Melott die Theorie vor, dass Gammablitze innerhalb der Milchstraße Massensterben auf der Erde ausgelöst haben könnten. Die Energie der freigesetzten Gammastrahlung reicht seiner Meinung nach aus, um die Ozonschicht zu zerstören und außerdem Sauerstoff- und Stickstoff-Moleküle in der Atmosphäre zu zerschlagen. Daraus könnte sich vorübergehend ein Smog aus giftigen Stickoxiden bilden. Nach Meinung von Melott könnte ein solcher Gammablitz das Massensterben am Ende des Ordoviziums vor 444 Millionen Jahren ausgelöst haben. Geologische Hinweise darauf gibt es bislang allerdings keine.
Wilfried Domainko berechnete nun die Häufigkeit von Gammablitzen in Kugelsternhaufen. Seiner Analyse zufolge sollten während der letzten Milliarde Jahre mehrere Kugelsternhaufen durch die Nachbarschaft der Erde gezogen sein. Der Forscher kommt zu dem Ergebnis, dass sich mindestens ein Gammablitz im verhältnismäßig geringen Abstand von 3.200 bis 10.000 Lichtjahren zur Erde ereignet haben muss.
Die Folgen auf der Erde sind allerdings nur schwer nachzuweisen, schreibt Domainko. Das Strahlenbombardement verstärkt zwar womöglich die Produktion bestimmter radioaktiver Elemente in der Atmosphäre. Doch eine solche Erhöhung ist wahrscheinlich kaum messbar, weil Gammablitze so schnell vorübergehen. Auch die Auswirkungen auf die Ozonschicht und die Atmosphäre sollten nach wenigen Jahren oder Jahrzehnten wieder vorbei sein. Melott argumentierte, dass das Muster des Massensterbens am Ende des Ordoviziums auf einen Gammablitz als Ursache hindeute. Damals war das höhere Leben noch auf die Ozeane beschränkt. Melott zufolg starben vor allem Arten aus, deren Lebensraum an der Oberfläche lag. Geologen halten dagegen eine Eiszeit für die Ursache des Massensterbens.
Domainko sieht allerdings eine Möglichkeit, wie man ein mögliches Strahlenbombardement nachweisen könnte. Das geplante Weltraumteleskop Gaia soll ab 2013 die dreidimensionale Struktur der Milchstraße kartieren. Dabei werden auch die Lage und die Bewegung der Kugelsternhaufen in der Milchstraße sichtbar. Wenn die Zeiten, zu denen Kugelsternhaufen in der Nähe der Erde vorüberzogen, mit Massensterben oder auch mit Zeiten übereinstimmen, in denen sich viele Arten neu bildeten, könnte ein Zusammenhang zwischen den kosmischen Katastrophen und dem Verlauf der Evolution auf der Erde bestehen.
Wilfried Domainko (Max-Planck-Institut für Kernphysik, Heidelberg): Astronomy & Astrophysics, im Druck
Quelle: eRecht24.de - Internetrecht von Rechtsanwalt Sören Siebert
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