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 Kulturwissenschaften
NEFERTARI Offline

Moderator die Stimme aus der Grabkammer
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27.05.2011 07:22
Weizen für die Toten antworten

Die Hirtenvölker Zentralasiens verschafften sich schon 2300 v.Chr. von weit her Weizen und Hirse – aber nicht, um davon zu essen, sondern als Totenopfer.

An der Grabungsstätte von Begash in Kasachstan stieß ein Forscherteam auf die Reste von 4300 Jahre alten Weizen- und Hirsekörnern. In Zentralasien lebten die Menschen zu jener Zeit ausschließlich als Viehzüchter, erst ab 700 v.Chr. begann dort der Ackerbau. Offenbar verlief am Nordrand der innerasiatischen Gebirge schon damals ein Pendant zur späteren „Seidenstraße“, ein Handelsweg zwischen China und dem Nahen Osten beziehungsweise Europa. Aus China bezogen die Hirtennomaden von Begash Hirse, aus dem Nahen Osten oder aus Europa gelangte Weizen zu ihnen. Zahnanalysen belegen allerdings, dass sie das Getreide nicht gegessen haben. Vielmehr dienten die Getreidekörner als Brandopfer bei Bestattungen. Das berichtete der amerikanische Anthropologe Michael Frachetti von der Washington University in St. Louis auf dem Silk Road Symposium im Penn Museum in Philadelphia.

„Seeds for the Soul“, Getreide als Seelennahrung: So überschrieb der Zentralasien-Experte Michael Frachetti seinen Symposiumsvortrag, der in Dienekes‘ Anthropology Blog als Video zur Verfügung steht. Die verkohlten Weizen- und Hirsekörner von Begash – eindeutig domestiziertes Getreide, keine Samen von Wildgräsern – wurden nicht etwa an Feuerstellen von Wohnplätzen entdeckt, unterstreicht Frachetti: Stattdessen fanden die Ausgräber sie ausschließlich bei Brandbestattungen, also als Teil eines Totenrituals. Bei den Hirtenvölkern der innerasiatischen Steppe galten die Getreidekörner anscheinend als Wegzehrung, die man Verstorbenen ins Jenseits mitgab. Die Lebenden haben auf den Verzehr der stärkehaltigen Körner verzichtet: „Mikrotopographische Scans der Zähne von Skeletten aus Begash zeigen keine Anzeichen von Karies oder von charakteristischem Abrieb, der bei Ackerbauern zu erwarten wäre“, so Frachetti in seinem Vortrag.

Der amerikanische Wissenschaftler hält es für wahrscheinlich, dass die religiösen Vorstellungen der Steppennomaden zur Ost-West-Verbreitung der Getreide beigetragen haben: Mitte des 3. Jahrtausends v.Chr. gelangte domestizierte Hirse aus Ostasien nach Südwestasien und Europa, gleichzeitig taucht in dieser Zeit erstmals domestizierter Weizen in China auf. „Der früheste Transfer dieser Zuchtgetreide zwischen China und Südwestasien könnte ideologisch motiviert gewesen sein und nicht wirtschaftlich“, vermutet Frachetti. Und die Tradition der Seidenstraße als Transportweg für Waren und Ideen reicht anscheinend bis mindestens in die Frühbronzezeit zurück.


Michael Frachetti (Washington University, St. Louis/Missouri): “Seeds for the Soul”, Vortrag auf dem Silk Road Symposium in Philadelphia, online als Video auf Dienekes’ Anthropology Blog am 24. Mai 2011

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